In St. Altfrid pulsiert das Leben

Zu Geschichte und Gegenwart unseres Jugendhauses

„Das ist ja das pulsierende Leben bei euch auf dem Berg!“ Es liegt ein Staunen in diesem Satz, ausgesprochen von einem erwachsenen Besucher im Jugendhaus St. Altfrid. Er bekommt einen der besonders schönen Tage in der Jugendbildungsstätte des Ruhrbistums in Essen-Kettwig mit. Ein frühsommerlicher Abend bei lauen Temperaturen – da tummeln sich Kinder und Jugendliche auf dem weiträumigen Gelände: Hier jonglieren junge Circus-Künstler, einige Meter weiter sitzen Pfadfinder am Lagerfeuer, wieder an anderer Stelle erklingt eine Gitarre und immer wieder begegnet man jungen Leuten, die plaudern, lachen oder mit dem Ball spielen. Es ist wirklich pulsierendes Leben – ein wunderschöner Ausdruck für einen Kirchenort der besonderen Art.
Das Jugendhaus auf der südlich der Ruhr gelegenen Anhöhe an der Essener Stadtgrenze zu Heiligenhaus ist eng verwoben mit der Geburtsstunde des Bistums Essen im Jahre 1958. Erstaunlich,denn der erst seit 1975 zu Essen gehörende Stadtteil Kettwig ist kirchenrechtlich Teil des Erzbistums Köln. Aber der Essener Gründerbischof Franz Hengsbach hatte das Gelände anlässlich seines Antrittbesuches beim Kölner Erzbischof Frings als „Morgengabe“ geschenkt bekommen. So entstand eine „Essener Insel“ im Kölner Erzbistum.

Die Morgengabe war damals allerdings eine Ruine mit schillernder Vergangenheit, wie der Essener Kirchengeschichtsforscher und Salesianerpater Hans Wielgoß in seinen Arbeiten belegen kann. Der Großindustrielle Friedrich Flick hatte das Gelände in den Zwanziger Jahren von Fritz Thyssen erworben, um sich dort ein repräsentatives Anwesen zu schaffen – auch als Pendant zu vergleichbaren Anwesen der übrigen Ruhr-Industriellen. So entstand unter der Regie des Architekten Paul Schultze-Naumburg der Charlottenhof.

Allerdings haben die Flicks nie auf dem Charlottenhof gelebt – firmenpolitische Gründe ließen sie nach Berlin übersiedeln. Das Anwesen in Kettwig stand zunächst leer, bis Flick es nach Hitlers Machtübernahme der NSDAP übertrug. 1937 eröffneten die Nazis dort mit viel Pomp ein Müttererholungsheim. In den Kriegsjahren wurde ab 1942 ein Lazarett eingerichtet, ein Jahr später übernahm das Kriegsministerium das Anwesen. Mit Kriegsende blieb vom Charlottenhof nur eine Ruine übrig. Viele Jahre zogen ins Land, in denen es seitens der Militärverwaltung und der Stadt Kettwig vergebliche Versuche gab, Gelände und Anwesen zu verkaufen. Erst 1956 konnte das Gelände an das Erzbistum Köln verkauft werden, wenn auch mit politischen Turbulenzen, da es heftige Vorbehalte unter manchen Politikern gab. Zur Zeit der Essener Bistums-gründung entstand daher das Gerücht, der neue Essener Bischof wolle sich auf dem Charlottenhof eine Sommerresidenz errichten. Es war nur ein Gerücht – denn Bischof Hengsbach beauftragte den ersten Diözesanjugendseelsorger Paul Teske gleich nach seiner Ernennung mit der Planung für ein Diözesanschulungshaus – zwei Jahre später begann die Geschichte der Jugendbildungsstätte St. Altfrid. Was die bischöfliche Sommerresidenz betrifft: Bischof Hengsbach zog es tatsächlich immer wieder gern nach St. Altfrid. Das Jugendhaus war für ihn ein Ort der Regeneration, an den er sich gern zurückzog.
Im Mittelpunkt aber stehen in St. Altfrid bis auf den heutigen Tag die Kinder und Jugendlichen. Die Sanierung, die nach vierzig Jahren überfällig war, konnte im Jahre 2005 mit der Einweihung des neuen Tagungshauses, dem sogenannten „Schloss“, vollendet werden. Die Bezeichnung ist noch ein Relikt an die Zeiten des Charlottenhofs: Der Vorgängerbau stand auf den Grundrissen der Flick’schen Villa, die wie ein Schloss weit über Kettwig sichtbar war.
Bis zu 170 Kinder und Jugendliche können in St. Altfrid übernachten. Während der Wochen sind es überwiegend Schulklassen, die zu „Tagen religiöser Orientierung“ nach Kettwig kommen. An den Wochenenden zählen die Jugendverbände des BDKJ, Kommunionkinder- und Firmlingsgruppen aus dem Bistum Essen, aber auch viele andere Gruppen weit über die Grenzen des Ruhrbistums hinaus zu den Stammgästen.
Fast „nebenbei“ hat sich in der Kirche des Jugendhauses zudem eine lebendige Personalgemeinde gebildet. Die Sonntagsmesse um 11.30 Uhr, ursprünglich für die Gäste des Hauses gedacht, ist zu einem Ort lebendiger, junger Kirche geworden, der viele Menschen aller Generationen anzieht. Immer wieder stellen sich Gästegruppen auch gerne im Gottesdienst vor oder beteiligen sich mit eigenen musikalischen oder textlichen Beiträgen. Das Leben „pulsiert“ in St. Altfrid also keineswegs nur außerhalb der Kirchenmauer …

Klaus Pfeffer, Sommer 2008

 

Als die Kirche noch im Rohbau stand – das Dach war gerade gedeckt – da feierte die erste Jugendgruppe dort ihren Gottesdienst. Sie saßen  auf Wolldecken, Stühle und Bänke gab es noch nicht, der Altar war ein Tisch aus dem Speisesaal und das Kreuz zimmerten sie aus alten Kisten, die vor der Küche lagen. Sie stellten das ca. 2 m hohe Kreuz gegen die Stirnwand der Kirche. Dort blieb es stehen bis als letztes Element der Kirche die große Tabernakelwand installiert war und sie am 31. Oktober 1981 von Bischof Dr. Franz Hengsbach geweiht wurde.

Außen ist hoch über der Eingangstür ein Ankerkreuz aufgerichtet – ein altes Zeichen für Erlösung. Wie ein Anker im festen Grund einem schwankenden Schiff Hoffnung gibt, so soll die Begegnung mit Christus in der Kirche den Menschen neue Hoffnung geben. Und diese Begegnung suchen viele Menschen. Die Kirche war ursprünglich für  max. 140 Gäste des Hauses konzipiert. Da aber die Offenheit eine der Grundprinzipien des Jugendhauses ist, wurden die Gottesdienste in dieser Kirche bald zum Geheimtipp, besonders beim Sonntagsgottesdienst kann man in St. Altfrid noch übervolle Kirchen erleben.

Öffnet man die schwere Eingangstür, so sieht man die erste Zone der Kirche, ein kleiner enger Raum. Dort ist links der Grundstein eingesetzt, der 1978 gelegt wurde. Durch eine Glastür kommt man in die zweite Zone und steht vor einem ungewöhnlichen Taufwasserbecken. Offensichtlich steht etwas im Weg und verdeckt den Blick auf die Tabernakelwand  hinter dem Altar. Die aufgerichtete Holzsäule lädt zum Fragen und Besinnen ein: „Was steht bei mir noch im Weg? Mit wem muss ich mich versöhnen, wenn ich mich Gott nähere?“ In dem Taufwasserbecken sieht  man auf dem Bronzeständer, wie der Bischof Liudger tauft. Der Bischof Liudger ist der zweite Patron des Bistums und der Werdener Gemeinde, zu deren Pfarrgebiet das Jugendhaus gehört. Die zum Altar hingewandte Seite der Holzsäule zeigt Maria, die Patronin des Bistums Essen. Ihre erhobene rechte Hand weist nach vorn, drängt die Kirchenbesucher zum Altar: „Was ER euch sagt, das tut“ (Joh. 2,5).

So lässt man die Vorzonen der Kirche hinter sich und befindet sich nun im sog. heiligen Raum, umgeben von acht Säulen – ein Hinweis auf die acht Seligpreisungen. Der Mittelpunkt dieses Achtecks befindet sich vor dem Altar, wo die beiden roten Steinkreise zusammentreffen. Ins Blickfeld gerät zunächst die große Tabernakelwand. Doch davon später, denn zunächst wurden die vier bunten Glasfenster von dem Künstler Nikolaus Bette, Velbert gestaltet.

Die Vier Fenster

Jedes Fenster ist als grüner Lebensbaum gestaltet mit einer roten Wabe im Mittelfeld. Mit einiger Fantasie kann man in den Bäumen die vier Jahreszeiten erkennen, Winter – Frühling – Sommer – Herbst. Denn der linke Baum ist kahl, während der rechte Baum Früchte (Eicheln) trägt. Die rote Wabe in der Mitte des Baumes zeigt jeweils ein Ereignis aus der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen:

Das linke Fenster zeigt Noah, der in einer gottlosen Umgebung Gott ernst nahm und daher gerettet wurde. Daneben ist Abraham dargestellt – bereit, seinen Sohn Isaak zu opfern. Auch er nahm Gott ernst, obwohl es für ihn Prüfung und Leid bedeutete. Das dritte Fenster zeigt die Verkündigung der Frohen Botschaft an Maria. Sie nahm Gott ernst, obwohl sie den Plan Gottes, der ihr Leben durchkreuzte, nicht verstehen konnte. Als viertes Motiv kann man den erhöhten Christus erkennen, den Herrscher der Welt, der in seinen Händen den Menschen von heute sein Wort und sein Sakrament – Hl. Schrift und Hostie – darbietet. Gerade in diesem Fenster wird dem Betrachter eine Frage nahegelegt, die durch den Zyklus vorbereitet ist: „Nimmst du Gott heute ernst? Nimmst du ihn ernst in einer gottlosen Umgebung, trotz Prüfung und Leid, obwohl seine Pläne im Letzten unverständlich bleiben – nimmst du ihn ernst in seinem Wort und Sakrament?“

Die Eicheln, die als Früchte in diesem vierten Baum zu finden sind, sind Verheißung: Wer Gott so ernst nimmt, dessen Leben wird Frucht bringen, wird gelingen! Die vier Fenster waren lange eingebaut – doch das von den Jugendlichen gefertigte provisorische Kreuz stand immer noch an der Stirnwand der Kirche, denn der Künstler Klaus Iserlohe aus Aachen arbeitete noch an der großen Tabernakelwand – und das kam daher:

Die Tabernakelwand der Kirche

Der Künstler bekam den Auftrag, den Kern dessen darzustellen, was Christen glauben, unabhängig der unterschiedlichen Zeitströmungen. Man sagt, der Künstler sei ein Jahr lang jeden Morgen vor der Arbeit in die Kirche gegangen und habe in diesem Jahr die ganze Bibel durchgelesen, sei anschließend nicht viel schlauer gewesen als vorher, habe aber viele interessante Geheimnisse entdeckt, z. B. die Zahlenspiele. Die Zahlen in der Bibel sind selten mathematische Aussagen, sondern symbolisieren und verstärken eine Aussage über Gottes Handeln. So steht die Zahl 3 für Gott, die Zahl 4 für die Welt. Kombiniert man diese beiden Zahlen, so ergibt sich in der Addition 7 in der Multiplikation 12. 3+ 4 bzw. 3×4 heißt: Gott hat mit der Welt und den Menschen etwas vor bzw. die Welt und die Menschen wenden sich an Gott. In beiden Fällen kann die Sache nur gut werden, denn Gott, der Allmächtige liebt seine Schöpfung. Deshalb wurden die Zahl 7 und die Zahl 12 zu „heiligen“ Zahlen, zu Zahlen der Fülle.

Der Künstler greift die Symbolik auf und schafft  sein Werk auf genau 12 Bohlen aus Wangeholz und nennt es: Schöpfung und Erlösung. In der Mitte stellt er Gott dar. Gott kniet, er kniet sich in seine Schöpfung hinein, er ist mittendrin und ganz für sie da. Und er freut sich über seine Schöpfung, Ein Fußballspieler, der in einem wichtigen Spiel kurz vor Schluss das entscheidende Tor geschossen hat, freut sich häufig so, dass er über das halbe Spielfeld läuft, auf Knien über den Rasen rutscht und die Arme hochreißt. So, könnte man sich vorstellen,  freut sich Gott über seine Schöpfung.

In den Armen Gottes liegt der blutüberströmte Christus, der am Kreuz genagelt ist.Der Vater blickt den Sohn an, der Sohn blickt den Vater an. Beide erkennen sich im anderen wieder, d.h. zwischen beiden steht nichts mehr, sie sind eins geworden. Dies zeigt auch, dass die beiden Halbköpfe von Vater und Sohn zusammen einen Kopf bilden. Die Größe dieses Kopfes entspricht der Größe des Taufbeckens am Eingang. Außerdem: Wenn man sich eine Leiter nimmt und von der Spitze der Holzsäule über dem Taufbecken eine waagerechte Linie zum Altarbild anpeilt, endet die Linie zwischen den Augen von Vater und Sohn. (vgl. Peilkult der antiken Völker z.B. in Stonehange) An dem Gürtel des Vaters und des Sohnes hängt die Schöpfung, der Erdkreis, der Kreis geht weiter in der Altarhalbinsel und in den schwarzen Kreisen des Kirchenbodens.

Nun kann die Vielfalt der Schöpfung entdeckt werden:

Die Sonne befindet sich unter de Schöpferhand Gottes. So wichtig die Sonne für uns ist, sie gibt uns die Lebensgrundlage, aber gegenüber Gott ist sie winzig, Gott „schüttelt sie aus dem Ärmel“. Im Rahmen des Bildes befinden sich 12 Vollmonde bzw. 24 Halbmonde, alle unterschiedlich gestaltet. 12 Monate hat das Jahr, 24 Stunden hat der Tag: Gott ist Schöpfer der Zeit und Gott ist Schöpfer des Raumes, der mit dem Rahmen angedeutet wird. Alles, was existiert, ist Zeit und Raum oder der Evolution unterworfen. Aber auch Zeit und Raum sind Geschöpfe und allein das Kreuz Christi durchbricht Zeit und Raum wie man auf dem Bild sehen kann.

Die Sterne befinden sich auf der Altarplatte. In Ellipsen sind dort die Planetenbahnen dargestellt, die Altarplatte ist geviertelt und in jedem Viertel sind drei Sterne eingekratzt, also 12 Sterne. Ein Schüler einer Förderschule hat folgendes entdeckt: In jedem Viertel sind die drei Sterne so angeordnet, dass ihre Verbindung ein rechtwinkliges Dreieck ergibt, wobei der rechte Winkel auf die Mitte des Altares zeigt. Also – wer einen Stern entdeckt hat, konstruiere ein rechtwinkliges Dreieck und die anderen Sterne sind auch gefunden.

Auf der Altarplatte befindet sich ein symbolisches Grab mit Reliquien vom hl. Altfrid, der hl. Agnes und dem hl. Apollinaris (wg. der Nähe zu Düsseldorf). Das symbolische Grab auf der Altarplatte soll aussagen: Wir feiern in der Eucharistie Tod und Auferstehung Jesu. Dies gilt auch für uns, weil Gott sich in Jesus Christus mit allen Menschen solidarisiert hat. Für Gott gibt es keine Toten, Gott ist ein Gott der Lebenden.

Nun wird es Zeit für ein weiteres Zahlenspiel:

Im weißen Rahmen des Bildes befinden sich Wellen – in jeder Bohle 12, also insgesamt 144 Wellen. Dies ist ein Hinweis auf das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung.  Am Ende aller Zeiten stehen vor dem Throne des Lammes (=Christus) 144.000 Gerechte (vgl. Offb. 7, – 1. Lesung Allerheiligen). Diese Zahl ist nicht eingeschränkt zu verstehen. Die Zahl der Fülle 12 mit sich selbst multipliziert, erweitert mit dem Zeichen für Tausend (im Altertum das Zeichen für Unendlich) heißt: Alle, die jemals gelebt haben und leben werden, werden vor Christus erscheinen. Gott lässt nichts von seiner Schöpfung fallen.

Weil diese Aussage über Gott so wichtig ist, kommt die Zahl 144 dreimal vor: 144 Wellen befinden sich im Rahmen des Altarbildes, 144 Ähren in 12er Bündeln stehen um den Altar und 144 Steine sind auf der Altarhalbinsel (der 144. Stein ist das winzigkleine Dreieck neben dem Altar). Dreimal erinnert uns die Zahl daran: Hier in der Kirche muss keiner eine Vorleistung erbringen, Gott nimmt mich so an wie ich bin –wer kommt, der gilt, so wie er ist -.

Das rot-braune Bild ist überreich ausgestattet mit Pflanzenmotiven. Zwei Fische befinden sich links und unten in den Wellen, zwei Vögel auf der linken und zwei Hasen auf der rechten Seite wollen die Harmonie der Schöpfung andeuten.

Diese Harmonie scheint beim Menschen zerbrochen. Der dunkle und der helle Mensch sollen nicht gut und böse, sondern das unerlöste und das erlöste in mir andeuten. Das Unerlöste ist wie ein Panzer, der mich in mich selber einschließt und mich unfähig macht, andere an meinem Leben teilhaben zu lassen. Ich baue mein Leben, indem ich nur auf mich selbst setze. Gottes Schöpfung, der Erdkreis wird dadurch angegriffen (das Messer). Der Turm hinter mir ist wie der Turm zu Babel,  falsch gebaut: die kleinen Steine sind unten, die großen oben, das eigene Werk wird mir zur Schlinge, das eigene Werk verschlingt mich. Beispiele für dieses Phänomen gibt genug. Doch auch dieses Werk wird von Gottes Füßen gehalten, sogar ein Hauch von Gottes Farbe ist hier enthalten, dass Unerlöste liegt auf Gottes Beinen. Gott hält mich auch in unerlösten Situationen.

Selbst wenn ich mich allem verschließe gibt es immer wieder Menschen, die auf mich zugehen, die mich brauchen. Als total verschlossener Mensch stoße ich sie zurück und wenn sie nicht gehen, dann stoße ich zu – mit der Lanze – und töte damit Jesus erneut (Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan). Doch das Blut, das durch den Lanzenstich vergossen wird, fließt auf das Erlöste in mir. Die Gewissheit, dass Christus mich auch in den dunkelsten Stunden nicht fallen lässt, macht mich zum Erlösten. Der erlöste Mensch hat die Farbe Gottes, das Taufkleid an. Sein Markenzeichen  ist das große Auge, das Selbstbewusstsein. Ich kann anderen in die Augen sehen und stolz auf mich sein, weil Gott mich wertvoll macht.

Ja – und wenn man jetzt die Blutstropfen zählt, dann sind es bis zum Mund 49, also 7×7. Aber der 50. Blutstropfen ist auf der Zunge. Die Zahl 50 meint symbolisch: Die Zahl der Fülle mit sich selbst multipliziert und noch einen dabei – die Überfülle, mehr als genug – und 50 Tage sind genau der Abstand zwischen Ostern und Pfingsten (Pfingsten: pentecosta – Der 50. Tag nach Ostern, damit endet die Osterzeit). Das heißt: Wer erlöst sein will, wer ein sinnvolles, glückliches Leben führen will, braucht keinen neuen Führer, keine neue Ideologie – er soll Ostern ernst nehmen und Pfingsten ernst nehmen. Ostern heißt: Ich bin vor Gott so wertvoll, dass er mir auch dann, wenn ich mein Leben in Raum und Zeit beende, ganz nahe ist und mich zu sich holt, so wie es mit Jesus Christus geschehen ist.

Und wenn die vielen wertvollen Menschen anfangen, die Welt zu gestalten und auch den unglücklichen Menschen sagen, wie wertvoll sie sind, dann ist Gottes Geist mit ihnen, denn sie haben Pfingsten ernst genommen und die Erfahrung eines erlösten, befreiten Lebens gemacht.

Hinter dem erlösten Menschen, unter der Schöpferhand des Sohnes, als Gegenbild zum Turm von Babel, ist die Darstellung von dem „Himmlischen Jerusalem“, dem „Reich Gottes“, das überall dort ist, wo Menschen wie Menschen miteinander leben, wo sie Gott zu sich einlassen und das nach dem Tod vollendet wird. Dieses Reich hat   (vgl. Offb. 21)   12 Tore (ist offen für alle), die Tore sind geschmückt mit Tränen, die zu Perlen geworden sind, im Reich empfängt uns das Lamm (Christus selbst), das das Reich erleuchtet, mit 7 Hörnern (Allmacht) und 7 Augen (Allwissenheit). (Dies wird auch in dem Lied beschrieben: Ihr Mächtigen, ich will nicht singen…).

Und nun folgt ein grandioses Finale:

Betrachten wir noch einmal die Lanze: Die Spitze der Lanze ist genau in der Mitte des Bildes dargestellt. Die Mitte des Bildes ist die Mitte von Vater und Sohn und genau dort befindet sich der Tabernakel. Wenn nun die Tabernakeltür geöffnet wird, bricht man der Lanze die Spitze ab. Wer sich auf die Eucharistie einlässt, bricht der Gewalt die Spitze ab.

Wer genau die Tabernakelwand betrachtet hat, merkt nun, dass etwas fehlt, nämlich der Heilige Geist. Den bringt der Künstler wie folgt ins Spiel: Ich kann die Altarwand nicht distanziert betrachten, dann hätte ich sie nicht verstanden. Ich kann mich nur auf die Aussagen einlassen und bin entweder provoziert oder  begeistert oder beides. Wenn ich dann die Kirche verlasse, ist der Hl. Geist in mir, der mich auf meine Weise befähigt, die Geschichte von Gott und den Menschen weiterzusagen.

Wer sich so auf dem Weg macht,  sieht vielleicht in dem Taufbecken die Achse eines Windmühlenflügels. Der Fußboden um das Taufbecken ist den vier Flügeln einer Windmühle ähnlich, die roten Steinplatten sind in vier Richtungen gelegt. Er erkennt an der Außenseite des Taufbeckens 12 in Stein gehauene Feuerzungen und sieht auf dem Bronzeständer den Bischof Altfrid, wie er firmt. (vgl. auf der anderen Seite 12 Wasserwellen und der Bischof Liudger, wie er tauft).

Wenn wir wieder etwas bei Kräften sind schauen wir uns noch den großen bronzenen Kerzenleuchter an: Der große bronzene Kerzenleuchter hat die Form eines Kreuzes und trägt das „ewige Licht“, die beiden Altarkerzen und die Osterkerze. Wer diesen Leuchter umschreitet, findet Darstellungen engagierter Christen verschiedener Kontinente und Jahrhunderte, die zur Deutung der Lichtsymbolik hilfreich sind. Zum „ewigen Licht“ führen drei Personen, die auf außergewöhnliche Weise zum Licht des Glaubens gelangt sind: Madeleine Delbrel, die atheistisch geschulte und vom Leben verwöhnte Französin, die nach Jahren religiösen Suchens eine Bekehrung durchmachte und zur sozial-engagierten Christin in einer marxistischen Stadt wurde.

Takashi Nagai, der japanische Arzt und Wissenschaftler, der die agnostische Weltanschauung überwandt und als Christ das Leiden trug, das ihm aus seiner Forschung mit radioaktiven Strahlen und durch die Explosion der Atombombe von Nagasaki erwuchs; und Charles de Foucauld, der den Weg vom versnobten Lebemann zum Einsiedler in äußerster Armut fand, der Anbetung und Gastfreundschaft zu seinem Lebensinhalt werden ließ.

Die beiden Altarkerzen werden von heiligen Frauen und Männern getragen, die durch ihr Leben den Anspruch der Eucharistiefeier verdeutlichen: Die hl. Theresia vom Kinde Jesu aus dem Karmel von Lisieux steht als Hinweis auf die „Adoratio“, die Anbetung Der hl. Franz Xaver, der große Missionar Asiens, verweist auf die „missio“, die Sendung, die hl. Elisabeth, die Helferin der Armen, steht für die „Caritas“, die Nächstenliebe und der hl Johannes Bosco, der begnadete Jugendseelsorger, weist hin auf die „Diakonia“, den Gemeindedienst. Dieser Teil des Kerzenleuchters ist ein ganz besonderer: Über Jahrzehnte lebten in der Jugendbildungsstätte Schwestern vom Orden der hl. Elisabeth, die abgelöst wurden durch Salesianerschwestern Don Boscos.

Die Osterkerze wird getragen von Menschen, die durch ihren Tod Zeugen der Auferstehung geworden sind: Vom englischen Lordkanzler Thomas Morus, der seine Gewissensentscheidung mit dem Tod auf dem Schafott bezahlte; Von Edith Stein, die als Karmeliterin in Auschwitz den Tod durch Gas erlitt; Und vom Erzbischof von San Salvador, Oskar Romero, dem Anwalt der Armen in Mittelamerika, der bei einer Messfeier während der Predigt erschossen wurde. Stellvertretend für die vielen in allen Generationen, die auf ihre Weise in der Nachfolge Christi stehen: 10 engagierte Christen – aber müssen wir nicht auf die Zahl 12 kommen? Keine Angst, der Künstler hat konsequent gearbeitet: Vorne auf der Altarhalbinsel und hinten um das Taufbecken gibt es den Dreiklang der Materialien: Stein – Bronze – Holz.

Auf Bronze gestaltete der Künstler die engagierten Christen: 10 auf dem großen Träger der Kerzen vorne und 2 auf dem Träger der Marienfigur hinten (Bischof Liudger und Bischof Altfrid) – macht zusammen 12. Es sind also wenigstens drei Grundgedanken, die der Besucher vom Altarraum in St. Altfrid mitnimmt: aus der Mitte zu leben (Tabernakelwand), Gott ernst zu nehmen (Fenster) und in der Nachfolge Christi Lichtträger zu sein (Kerzenleuchter). Mit diesen Gedanken wird man an der Rückseite der Kirche einige ausdrucksstarke, apokalyptische Kreuzwegbilder zu deuten wissen.

Die Kreuzwegbilder

Die von Agnes Auffinger aus Gunzensried/Allgäu gestalteten Kreuzwegbilder zeigen eine erdrückende, chaotische Welt mit traurigen, verlorenen, von der Technik versklavten Menschen. Der Glaube ist dieser Welt fremd, die Menschen gehen dem Kreuz aus dem Weg, sie lassen Christus unter dem Kreuz allein. Und doch halten die letzten Überlebenden eben an diesem Kreuz fest und bezeugen im eschatologischen Mahl ihre Hoffnung.

Zum Schluss verrate ich noch einige Geheimnisse:

An der Wand vorne rechts steht meistens eine kleine Steinmauer, von einer Gruppe Jugendlicher irgendwann im Jahre Weißichnicht dorthin gebaut. Es ist zur Tradition geworden, dass Besucher der Kirche dort  brennende Teelichter hinein stellen, verbunden mit einer Bitte oder einem Wunsch. Meist brennt immer ein Licht in der Mauer. Die Steine der Mauer wurden zwischenzeitlich auch anders genutzt, für den Krippenbau, Brunnenbau, Labyrinthe oder andere gestalterische Elemente. Nach gewisser Zeit wurden die Steine wieder in die Mauer zurückgesetzt. Es ging nie ein Stein verloren, das sieht man am Aufbau der Mauer, ohne die Steine gezählt zu haben. Nach ein paar Jahren habe ich sie doch einmal gezählt – es waren genau 50 – die Supermegasymbolzahl aus der Tabernakelwand..

Achtet einmal auf folgendes: In den dunklen Monaten Februar und November bescheint die Morgensonne (wenn sie denn mal scheint)   genau die Tabernakelwand – im März und Oktober den Altar.

Doch am Wichtigsten ist, was Schwester Apollonia mir sagte: „Wenn ich etwas weiß, worum es in dieser Kirche geht, dann kann ich mich auch in Ruhe dort hinsetzen und beten.“ Denn wer versucht, mit den Jugendlichen über Gott zu sprechen, sollte auch mit Gott über die Jugendlichen sprechen.

Norbert Rademacher

 

Geschichte

Im Zuge der Umgestaltung und Renovierung des Jugendhauses in den 90er Jahren wurde auch ein Personalhaus gebaut mit einer Klausur für die Ordensschwestern, die im Jugendhaus leben. Dazu gehörte natürlich auch eine kleine Kapelle, die die alte sog. Schwesternkapelle im Innenhof ersetzen sollte. Diese kleine Kapelle entwickelte sich im Laufe der Zeit zu einer äußerst attraktiven Einheit von  spirituellem Lebensort der Ordensschwestern und kleinem Gottesdienstraum für die Jugendlichen im Hause. Die Gäste sind eingeladen, am spirituellem Leben der Schwestern teilzunehmen oder sie können auch in der beschaulichen Atmosphäre der Kapelle ihren eigenen Gottesdienst feiern. Die kleine Kapelle ist durch den meditativen Klanggarten an die große Kirche angebunden und wie die große St. Altfrid Kirche hat auch die kleine Kapelle ihre eigenen Geschichten und Geheimnisse.

Name der Kapelle

Es sollte ein Frauenname sein, es gab auch viele gute Vorschläge, aber für diese Kapelle war keiner der große Wurf – so ließ man sich Zeit mit der Entscheidung. Zur Zeit des Kapellenbaus kam öfter ein kleines Mädchen mit seiner Mutter zur Baustelle. Dieses kleine Mädchen war außerordentlich neugierig, registrierte jede Veränderung und interessierte sich auch dafür, was in der großen Kirche passierte. Am schönsten fand sie Trauungen. Das kleine Mädchen hieß Lioba. Ihre Eltern standen in freundlicher Distanz zur Kirche und wählten für ihr Kind den vermeintlich nichtchristlichen altgermanischen Namen Lioba, ohne zu wissen, dass es eine gewisse heilige Äbtissin Lioba gibt – ihr Fest wird am 28. September gefeiert -, die sich in ihrem Leben besonders der Mädchenerziehung gewidmet hatte. Der Name Lioba heißt übersetzt „Liebling“. Diese kleinen Fingerzeige wurden dankbar aufgenommen und so sagte man: „Wenn die heilige Lioba sich auf so liebevolle Weise meldet, dann soll sie auch die Kapelle bekommen!“ So kam mit dem kleinen Mädchen auch die heilige Lioba in die Kapelle. Und ihre Geschichte ging weiter:

Die Lioba Statue

Die ca. 1,20 m hohe Figur, von F.J. Kirchhoff aus Gelsenkirchen geschaffen, steht auf einem silberleuchtenden Sockel. Sie ist dargestellt als junge, dynamische Frau, die im Aufbruch begriffen ist. Den Äbtissinnenstab hält sie wie einen Wanderstock als Zeichen ihres Unterwegssein. In der anderen Hand hält sie die heilige Schrift und eine Glocke, welche an einen Traum ihrer Mutter kurz vor der Geburt erinnert. Die träumte nämlich, dass unter ihrem Herzen anstelle eines Kindes eine Glocke ruhte, und erhielt von einer weisen Ordensfrau die Deutung, dass das Kind, welches sie erwartete, einmal wie eine Glocke in die Kirche und in die Welt hineinläuten sollte. Ihr rotes Übergewand ist ebenfalls ein Traumsymbol. Lioba sah nämlich träumend aus ihrem Mund einen roten Faden herauswachsen, in der Deutung der rote Faden des Heiligen Geistes, der sich durch Liobas gesamtes Leben zog. Die anderen Farben in der Kleidung geben im Grün die Hoffnung, im Blau die Verbundenheit zu Gott und schließlich in den Schuhen die feste Erdverbundenheit wieder.

Zu ihren Füßen sitzt ein staunendes kleines Mädchen – die kleine Lioba, durch die die Kapelle den Namen bekommen hat. Von Gott hat sie noch wenig gehört. Die Heilige blickt sie liebevoll an und lädt sie ohne Wort zum Mitgehen ein. Die Kleine hält beide Hände überrascht vor den Mund, sie betrachtet staunend die Welt und scheint ihre Situation zu genießen. Sie sitzt auf einem gelb-schwarzen Kissen, das sind die Farben ihres Lieblingsvereins, der Borussia aus Dortmund.

Die kleine Lioba steht für alle Mädchen und Jungen, denen Gott das Leben geschenkt hat. Die heilige Lioba fragt nicht nach Stand und Konfession, nicht nach Bildung und Ausstattung: Wer kommt, der gilt, so wie er ist.

Der Grundstein 

Der schlichte Grundstein zeigt die Jahreszahl 1997 und ein paar Kinderhände – von den Händen die Außenseite. Es sind die Hände, die die kleine Lioba an der Liobastatue staunend vor dem Mund hält.

Es ist die Einladung zum vorurteilfreien, arglosen, offenen Staunen, so wie man es sich von Kindern abschauen kann. Die kleine Lioba hat nicht nur ihre Hände auf die Außenseite des Steins gedrückt, sie durfte auch die Rolle mit den Dokumenten in den Grundstein legen.

Die Schutzmantelmadonna 

Schon während der Planung der Lioba Kapelle wurde der Ort für eine Marienstatue mitberücksichtigt. Aber schon damals waren die finanziellen Mittel des Bistums außerordentlich knapp und an eine Realisierung wagte keiner zu denken. Doch der Traum blieb lebendig, deshalb dachte der Generalvikar sofort an die Lioba-Kapelle, als ihm eine Erbschaft für eine Marienfigur zur Verfügung gestellt worden war, deren Betrag ziemlich genau den Kosten der geträumten Marienfigur entsprach.

Der Künstler der Lioba Figur F.J. Kirchhoff schuf nun eine Schutzmantelmadonna, deren Mantel wirklich weit genug war für all die verrückten und ängstlichen, schüchternen und knallharten Jugendlichen und deren Gedanken und Träume.

Maria, Frau und Mutter, ist in ein schlichtes rotes Gewand gekleidet, in die Farbe des Geistes und der Liebe. Ihre Strümpfe tragen die grüne Farbe der Hoffnung und in zwei karminroten Schuhen steht sie fest mit der Erde verbunden auf dem Boden. Maria ist Königin, den Goldreif im wehenden Haar, den weiten Mantel wie das Himmelszelt ausgebreitet, von außen golden für die Nähe Gottes, von innen himmelblau auf der Seite der Menschen. Ihre Konzentration ist auf das quirlige Jesuskind gerichtet, das versucht, von ihrem linken Arm hinunter zu den Kindern und Menschen und Tieren zu gelangen, die zu ihren Füßen im Schutze des Mantels Platz gefunden haben.

Dort steht eine Ordensschwester. Sie steht am Rande des Mantels und hält sich an ihm fest, als wäre sie ein Teil von ihm. Die linke Hand umfasst ein goldenes Buch, die Heilige Schrift, von der sie sich leiten lässt, ohne den Blick für die Wirklichkeit und die Sorge um die konkret nahen Menschen zu vergessen.

Der ihr am nächsten stehende Mensch sieht neugierig hinauf zu dem Kind und hält sich am Saum des Schutzmantels feste. Er trägt die Fahne und die blau-weiße Kleidung diverser Fußballvereine aus der Umgebung (nachdem die gelb-schwarze Borussia aus Dortmund bei der Lioba Figur erwähnt wurde, stehen hier für das blau-weiß der MSV Duisburg, FC Schalke 04 und VFL Bochum, doch der Gelsenkirchener Künstler hat fast versteckt auf der Brust des Fans das Zeichen vom FC Schalke abgebildet). Um mit dem „Kind“ zu spielen, muss er sich nicht „umziehen“, sich nicht verändern, seinem Leben keine anderen Koordinaten zuweisen. Mit all seiner Lebendigkeit trägt er zum Farbenreichtum der Nähe Gottes bei.

Auf der anderen Seite des Mantels sitzt still ein Mädchen. Es wirkt schüchtern, scheint sich in eine Falte des Himmels zu kuscheln und gleichzeitig voll Staunen das Material des Mantels zu befühlen. Direkt daneben sitzt die kleine Lioba. Seit sie zu Füßen der großen Lioba Figur saß, ist sie gewachsen, größer und freier geworden. Das alles ist ihr Raum, den sie mitgeprägt hat. Hier ist sie zu Hause, auch wenn sie noch nicht getauft ist.

Neben ihr stehen und sitzen die Tiere. Einmal ein Pferd, das symbolisch die Knie beugt vor dem Jesuskind. Das Pferd steht hier im Dienst am Menschen. Unsicheren oder durch ihr Anderssein im Leben behinderten Kindern und Jugendlichen baut das Pferd eine Brücke, ist warm, nah, weich und bietet Sicherheit. Neben dem Pferd sitzt ein Hund, den Kopf aufmerksam hochgestellt und mit dem Schwanz wedelnd vor Freude, neue Menschen zu begrüßen. Dies ist Luzie, die „Mitgehhündin“, eine Begleiterin für behinderte Kinder und Jugendliche. Eine Freundin für Kinder, die sich nicht verbal äußern können. Der Kirchenraum ist ihr nicht fremd, wie selbstverständlich gehört sie in den Raum Gottes. In ihrem Platz zu Füßen Marias wird deutlich, dass alle Geschöpfe Gottes in dem weiten Mantel seiner Liebe ihren Ort haben und im Leben wie im Tod diese Heimat nie verlieren.

Die kleinen Fenster 

Die sanfte Wölbung der Rückwand wird durch sieben kleine Fenster belebt. In der die Symbolik der Siebenzahl (vgl. Zahlensymbolik in der Kirche von St. Altfrid) deutet sich die tiefe Nähe zwischen Gott und Mensch an. Diese Gott-Mensch-Gemeinschaft wird in besonderer Weise im Rahmen der Gottesdienste und der Liturgie deutlich und die Teilnehmer sollen erfahren, dass sie herzlich eingeladen sind, mitzufeiern und mitzugestalten, unter anderem auch in der jeweiligen Gestaltung der sieben Fenster.

Die Sonne der Gerechtigkeit 

Wie ein riesiger Ventilator breitet die Deckenlampe weitausladend ihre Arme aus. Ein frischer Wind soll in die Kirche gebracht werden. Denn die Kirche ist von ihrem Wesen immer jung und neu. Daran soll erinnert werden, griffig und handfest. Das Licht der Deckenlampe wird zur Sonne der Gerechtigkeit, zum Licht des Heiligen Geistes, welches das Gesicht der Erde neu macht. Neue Herzen, neues Leben, neue Geschwisterlichkeit sind die schönste Innenausstattung der Kirche und ihrer Glieder.

Der Tabernakel

Der Tabernakel wurde aus der alten Schwesternkapelle im Innenhof mit in die Lioba-Kapelle genommen. Das Reliefbild auf der Tür zeigt die Abendmahlsfeier Christi mit seinen Jüngern. Öffnet man nur die linke Tür und lässt die rechte geschlossen, so sieht man einen einzelnen Menschen im Gespräch mit Jesus – meine persönliche Beziehung zu Jesus Christus.  Das Schlüsselloch weist wie ein Pfeil auf die Gestalt Christi. Jesus Christus steht im Zentrum. Er, der von sich selbst sagt: „Ich bin die Tür“. (Joh.10,9).

Die fünf blauen Fenster 

An der hinteren Mauer links hängen fünf blaue Fenster von Antje Schulz, die sich auf den ersten Blick alle gleichen. Beim näheren Betrachten jedoch beginnt eine Auseinandersetzung im Detail. Der stabile Rahmen präsentiert sich als Teufelskreis, in den die Gesellschaft mit ihren Zwängen, Moden, Konsumdruck und Wohlstandsdenken den einzelnen mit hineinzieht.

Im ersten Fenster nach dem Zugang zum Kirchenraum ist der Rahmen sich seiner Sache so sicher, dass er hochnäsig den Menschen eine Nase ziehen kann, sie absolut nicht ernst nimmt. Der Rahmen hat vor denen, mit denen er sein Spielchen treibt, nicht die geringste Achtung. Menschen sind für ihn Material, Käufer, Kunden, Wähler. Gefühle und Empfindungen zählen nicht.

Im zweiten Fenster zeigt der Rahmen, dass er sich auch über die menschlichen Sinnzusammenhänge erhebt. Dort, wo nämlich von der Logik her Schrauben ihren Platz hätten, entdeckt der Betrachter nun kleine Knöpfe. Es macht zwar keinen Sinn. Aber wenn es Mode ist, dann eben Knöpfe, der Rahmen will es so. Der Rahmen hat alles unter Kontrolle. Es gelingt ihm sogar, seinen Versklavten das Gefühl der Mündigkeit und Freiheit zu suggerieren. Im dritten Bild hat er sein Oberlicht aufgemacht. Aber es ist eine vorgegaukelte Freiheit. Denn anstelle des Scharniers befindet sich ein Metermaß, das alle wieder gleich macht. Der Rahmen ist unersättlich und sich seiner Sache sicher, selbst wenn sie noch so unmöglich ist. Im vierten Bild ersetzen Wasserhähne die Fensteröffner. Und alle machen mit. Denn wer aus dem Rahmen fällt, der ist verloren.

Doch die Illusionen des mächtigen Rahmens kann ich auf den Prüfstand stellen, und zwar wenn ich ihn beim Wort nehme und einen zuverlässigen Handschlag auf den Sinn des Lebens einfordere. Doch welches Entsetzen: Dort, wo der feste Griff des Rahmens vermutet wird, bietet sich eine verfaulte, ekelbereitende, schleimige Bananenschale an. Nicht Festes, nur aufgelöst Zerfließendes, das die Macht des Rahmens entlarvt.

Die fünf Holzfenster 

Der aufgeweichte Händedruck der verfaulten Bananenschale darf nicht bleibend sein. Es geht weiter in den von Antje Schulz gestalteten Holzfenstern. Doch im ersten Fenster sieht man eine Mauer, die das Signal sendet: Hier geht es nicht weiter, es ist unmöglich. Doch für die Hoffnung gibt es keine Unmöglichkeit. Im Rückbesinnen auf meine eigene Freiheit kann ich sagen: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Ps.18).

So kann ich im zweiten Fenster in aller Freiheit durch das Guckloch den ersten Kontakt vollziehen. Das Guckloch ist verschließbar. Die Intensität des ersten Kontaktes ist dem Betrachter selbst überlassen. Danach, im dritten Fenster, folgt ein euphorischer Freiheitsdrang. Man will alle sich bietenden Öffnungen aufreißen. Doch gerade dieser Aufbruch kann aus den Fugen geraten, das zeigen die verschiedenen Arten, gerade dieses Fenster zu öffnen. Aber das Innere lebt. Aus dem Rahmen, der mich eingepresst hat, wachsen im vierten Fenster Zweige hervor, eine Einladung, sich an den guten Früchten erkennen zu lassen.

So findet im fünften Fenster eine Blickbegegnung statt, und zwar von außen nach innen, die uns auffordert: „Erkenne dich selbst!“ mit all deinen Grenzen und Möglichkeiten vor Gott.

Jürgen Kuhn
Norbert Rademacher

 

Das Leben des Heiligen Altfrid

Der Heilige Altfrid (* um 800; † 15. August 874) war als Bischof von Hildesheim, Gründer des Stifts Essen als Keimzelle der Stadt Essen und enger Ratgeber des ostfränkischen Königs Ludwigs des Deutschen eine bedeutende Person des ausgehenden 9. Jahrhunderts.

Leben

Über Altfrid existiert keine zeitgenössische oder auch nur zeitnahe Vita. Seine erste gesicherte Erwähnung datiert vom 3. Oktober 852. An diesem Tag nahm er als Bischof von Hildesheim an einem Konzil in Mainz teil. Über Geburt, familiäre Abstammung und Ausbildung Altfrids ist nichts gesichert, jedoch kann einiges aus anderen Zeugnissen geschlossen werden.

Da Altfrid nach der Hildesheimer Chronik „reich an Tagen“ 874 starb, wird angenommen, dass er ein relativ hohes Alter erreichte, so dass eine Geburt um 800 oder kurz nach diesem Jahr angenommen werden kann. Er war sehr wahrscheinlich vornehmer sächsischer Abstammung; Altfrids Familie besaß Eigengüter im Harzvorland und die Grundherrschaft Asnithi (Essen). Dass er der später kaiserlichen Familie der Liudolfinger angehörte, ist nach neueren Erkenntnissen eher zweifelhaft, da die Liudolfinger erst nach Altfrids Tod Einfluss im Stift Essen gewannen. Wahrscheinlicher ist, dass die Familienverbände versippt waren. Das Erreichen des Amtes eines Bischofs lässt den Schluss zu, dass Altfrid eine umfassende Bildung genossen hatte, wahrscheinlich in einem sächsischen Kloster. Die spätere Geschichtsschreibung des Klosters Corvey reklamiert Altfrid als Konventsmitglied; dies könnte den Tatsachen entsprechen. Da eine eigenhändige Unterschrift Altfrids in karolingischer Minuskel bekannt ist, in der Forscher einen im westlichen Reichsteil gepflegten Regionalschreibstil zu erkennen glauben, und einige Handschriften, die Altfrid als Gründungsausstattung dem Stift Essen übergab, eindeutig im westlichen Reichsteil entstanden sind, wird teilweise auch eine Ausbildung im Westen angenommen.

851 wurde Altfrid Nachfolger des am 20. März dieses Jahres gestorbenen Bischofs Ebo in Hildesheim, wobei Ludwig der Deutsche seinen Einfluss geltend machte. Eine außergewöhnliche Maßnahme Altfrids war, dass er alle von seinem Vorgänger gespendeten Weihen wiederholen ließ, um jede kirchenrechtliche Streitigkeit um deren Gültigkeit – Ebo war mehrfach als Erzbischof von Reims abgesetzt und wieder eingesetzt worden – zu vermeiden. 864 überführte Altfrid Reliquien des Heiligen Marsus von Auxerre an einen unbekannten Ort in Sachsen, möglicherweise die Abtei Corvey; die Predigt Altfrid zur Ankunft der Reliquien ist erhalten. Außerdem legte Altfrid 852 den Grundstein zu einem neuen Dom, einer dreischiffigen, kreuzförmige Basilika mit Vierung und Querhaus, die 872 fertiggestellt und am 1. November 872 in Gegenwart von vier Bischöfen und des Abtes von Corvey geweiht wurde.

Bereits vor der Ernennung zum Bischof hatte Altfrid an der Gründung mehrerer religiös verfasster Frauengemeinschaften mitgewirkt. 845/47 erwarb er in Rom Reliquien der Heiligen Cosmas und Damian. Bei dieser Reise begleitete er möglicherweise Liudolf und dessen Gemahlin Oda, die 846 auf einer Romreise päpstlichen Schutz für die Gründung der Frauengemeinschaft Gandersheim, Dispens für die Ernennung ihrer Tochter Hathumod zur Äbtissin und Reliquien erbaten. Auch den sächsischen Grafen Ricdag unterstützte Altfrid bei der Gründung der Frauengemeinschaft zu Lamspringe, indem er diesem Reliquien des Hl. Hadrian aus Rom beschaffte. Altfrid gründete nach Hildesheimer Überlieferung ferner ein Benediktinerkloster auf eigenem Land im Harzvorland, von dem weder Ort noch Dauer der Existenz bekannt sind. Bedeutender wurde Altfrids andere Gründung, die er auf seinem Eigenbesitz Asthnide am Hellweg vornahm. Die Gründung von Essen erfolgte nicht durch Altfrid allein, sondern vermutlich durch seine gesamte Familie. Erste Äbtissin Essens wurde seine Verwandte Gerswith, die später zu einer Schwester Altfrids erklärt wurde, ohne dass es dafür einen Anhaltspunkt gab. Auch die zweite Essener Äbtissin Gerswith II. gehörte noch zu Altfrids Verwandtschaft. Wie in Hildesheim auch ließ Altfrid in Essen einen Kirchenbau errichten. Der Grundriss dieser karolingischen Stiftskirche wird noch heute von Lang- und Querhaus des Essener Münsters abgebildet. In dieser Kirche wurde Altfrid seinem Wunsch gemäß begraben, das Altfridsgrabmal aus gotischer Zeit steht heute in der nach ihm benannten Ostkrypta.

Diplomat

Altfrid, der in einem Brief des Bischofs Hinkmar von Reims als kluger und nüchterner Denker und mit Beredsamkeit begabt geschildert wird, war ein enger Vertrauter Ludwigs des Deutschen, und ab 860 in den Machtkämpfen zwischen den Reichsteilen des zerfallenden Frankenreiches einer der entscheidenden Unterhändler. 860 nahm Altfrid an dem Treffen zwischen Ludwig dem Deutschen und Karl dem Kahlen in der Koblenzer Basilika St. Kastor teil, wo die beiden Könige einen Teilfrieden vereinbarten. In den Folgejahren kann eine rege Reisetätigkeit Altfrids festgestellt werden: Im Frühsommer 862 ist er in Asselt an der Maas, später in Compiegne und Savonnières, 864 in Pitres, 865 in Thousey an der Maas und 867 schließlich in Metz bezeugt. Altfrid hatte maßgeblichen Einfluss auf die Gestaltung des Vertrags von Meersen, mit dem am 9. August 870 Lothringen zwischen West- und Ostfrankenreich aufgeteilt wurde.

Nachwirken

Altfrid wurde an seinem Grab in Essen besonders verehrt. Um die Jahrtausendwende wurden an seinem Grab Wunder berichtet, was die Verehrung aufblühen ließ; auch die als heilkräftig angesehene Wirkung einer unweit des Essener Münsters gelegenen Quelle wurde seiner Fürbitte zugeschrieben. Nach dem Brand der Münsterkirche im 13. Jahrhundert wurde ein gotischer Steinsarkophag für seine Gebeine geschaffen. Das Jahresgedächtnis Altfrids war das festlichste im Memorialdienst des Essener Stiftes. Trotzdem war Altfrid kein kanonisierter Heiliger, und mit der Säkularisation des Stiftes 1803 nahm die Altfridverehrung ab, um erst im Kulturkampf wieder stärker zu werden. Nach der Gründung des Bistums Essen 1958 ersuchte der erste Ruhrbischof in Rom um die Bestätigung der kirchlichen Feier des Festtages des Heiligen Altfrid, die dann 1965 erteilt wurde. Altfrid darf damit seit 1965 als Heiliger verehrt werden, sein Gedenktag ist der 16. August.

(Quelle: Wikipedia)